Was ist neu im Streit zwischen WP Engine und Automattic?
Die Kartellklage von WP Engine gegen Automattic und WordPress-Mitgründer Matt Mullenweg ist zurück. Am 24. September 2026 hat die US-Bundesrichterin Araceli Martínez-Olguín in Kalifornien vier kartellrechtliche Klagepunkte wieder zugelassen, die sie selbst im September 2025 noch abgewiesen hatte. Automattic muss sich damit gegen den Vorwurf verteidigen, seine Kontrolle über WordPress.org missbraucht zu haben, um einen Wettbewerber zu bestrafen.
Ausgelöst hat die Kehrtwende ein ganz anderes Verfahren: ein Streit um Reparaturen an Operationsrobotern. Klingt kurios, ist aber für den WordPress-Fall entscheidend. Ein Urteil ist das noch nicht. Aber der Streit hat jetzt ein deutlich höheres finanzielles Risiko für Automattic, und er bleibt uns noch lange erhalten.
Der Beschluss in Kürze: 17 Seiten, erlassen am 24. September 2026 im Verfahren WPEngine, Inc. v. Automattic Inc. (Az. 3:24-cv-06917, Northern District of California). Wieder zugelassen: Monopolisierung, versuchte Monopolisierung und zwei Fälle unzulässiger Kopplung. Abgewiesen: der Vorwurf der Erpressung durch Eingriffe in Computersysteme. Alle sieben Gegenklagen von Automattic bleiben zumindest teilweise bestehen.
Wir begleiten diesen Streit seit seinem Beginn. Die ganze Vorgeschichte von der Sperre 2024 bis zu den Entlassungen bei Automattic 2025 steht in unserem Rückblick WordPress-Drama: Was 2025 wirklich passierte. Hier geht es um das, was seit Juli 2026 dazugekommen ist.
Welche Klagepunkte hat das Gericht wieder zugelassen?
Das Gericht hat alle vier kartellrechtlichen Ansprüche wieder zugelassen, gegen die sich Automattic, WooCommerce und Mullenweg gewehrt hatten. WP Engine hat nach Ansicht der Richterin plausibel dargelegt, dass Automattic Marktmacht besitzt, sich wettbewerbswidrig verhalten hat und dadurch dem Wettbewerb insgesamt geschadet hat, nicht nur WP Engine. So fasst The Repository den Beschluss zusammen (öffnet in neuem Tab), das den Prozess seit Beginn eng verfolgt.
| Klagepunkt | Was WP Engine vorwirft | Status |
|---|---|---|
| Monopolisierung | Automattic nutze seine Kontrolle über WordPress.org, um Preise zu erhöhen, Qualität zu senken und für früher kostenlosen Zugang Geld zu verlangen | Wieder zugelassen |
| Versuchte Monopolisierung | Dasselbe Verhalten ziele darauf ab, den Markt für WordPress-Dienstleistungen zu beherrschen | Wieder zugelassen |
| Kopplung (zwei Punkte) | Zugang zu WordPress.org nur gegen die Bestätigung, nicht mit WP Engine verbunden zu sein | Wieder zugelassen |
| Erpressung über Computersysteme | Drohungen und Eingriffe in die Infrastruktur als rechtswidrige Erpressung | Abgewiesen |
| Gegenklagen von Automattic | Markenmissbrauch und irreführendes Branding durch WP Engine | Alle sieben bleiben zumindest teilweise bestehen |
Der Kopplungsvorwurf hängt an einem Detail, an das sich viele WordPress-Entwickler noch erinnern. Im Herbst 2024 stand auf der Login-Seite von WordPress.org eine Checkbox mit dem Satz "I am not affiliated with WP Engine in any way". Wer sie nicht anklickte, kam nicht hinein. Das Gericht hält es für plausibel, dass darin eine sogenannte negative Kopplung liegt: Der Zugang zu einer Leistung wird an die Bedingung geknüpft, eine andere Leistung nicht zu nutzen.
Die Richterin räumt ihre Kehrtwende offen ein. In einer Fußnote schreibt sie, das Gericht weiche von seinem früheren Beschluss ab und halte die Kartellansprüche von WP Engine nun für tragfähig ("departs from its prior order, now finding WPEngine's antitrust claims viable").
Warum die Kehrtwende? Das Urteil zu Operationsrobotern
Grund für den Sinneswandel ist ein Urteil des US-Berufungsgerichts für den neunten Bezirk (Ninth Circuit) vom 13. August 2026 im Fall Surgical Instrument Service Co. v. Intuitive Surgical (öffnet in neuem Tab). Darin hob das Berufungsgericht eine Entscheidung auf, die dieselbe Richterin Martínez-Olguín getroffen hatte. Das Berufungsgericht ist ihr übergeordnet, sie muss sich an seine Linie halten.
Im Robotik-Fall ging es um Folgendes: Intuitive Surgical stellt den Operationsroboter da Vinci her und hat bei solchen Robotern laut Klägerin über 99 Prozent Marktanteil. Ein unabhängiger Reparaturdienst warf dem Hersteller vor, auch den Markt für Instrumente und Reparaturen abzuschotten. Kartellrechtlich heißt das: Marktmacht im Primärmarkt (die Roboter) wird in einen Anschlussmarkt (Instrumente, Service) übertragen.
Die entscheidende Frage war, was ein Kläger beweisen muss. Bisher verlangten Gerichte in solchen Fällen oft die sogenannten Kodak/Epic-Faktoren. Vereinfacht gesagt musste der Kläger zeigen, dass Kunden beim Kauf nicht wussten, worauf sie sich im Anschlussmarkt einlassen. Der Ninth Circuit hat das klargestellt: Diese Faktoren sind nur nötig, wenn der Kläger keine Marktmacht im Primärmarkt nachweisen kann. Hat der Beklagte dort schon Marktmacht, entfällt die Hürde.
Übertragen auf WordPress heißt das: WP Engine muss nicht mehr zeigen, dass Website-Betreiber beim Start mit WordPress ahnungslos in eine Abhängigkeit gerutscht sind. Laut Beschluss wussten Nutzer, die sich für WordPress entscheiden, durchaus, dass sie an das WordPress-Ökosystem gebunden sind. Nach der alten Linie hätte das gegen WP Engine gesprochen. Nach dem Ninth-Circuit-Urteil zählt es nicht mehr, sofern Automattic Marktmacht bei den Content-Management-Systemen selbst plausibel zugeschrieben wird.
Wie groß diese Marktmacht ist, lässt sich an öffentlichen Zahlen ablesen. WordPress hält laut W3Techs rund 60 Prozent des CMS-Markts (öffnet in neuem Tab) und läuft auf gut 40 Prozent aller Websites. Ob Automattic und Mullenweg diese Stellung rechtlich zuzurechnen ist, wird eine der Kernfragen im weiteren Verfahren sein. Denn die Software gehört niemandem, WordPress.org aber Mullenweg persönlich.
Was bedeutet die Kartellklage für Automattic?
Für Automattic steigt vor allem das finanzielle Risiko. Wer in den USA einen Kartellverstoß nachweist, kann nach dem Clayton Act den dreifachen Schadensersatz verlangen. Bisher ging es für Automattic um Vorwürfe wie Geschäftsbehinderung, unlauteren Wettbewerb und Verleumdung. Mit dem Kartellrecht kommt ein Hebel dazu, der jeden festgestellten Schaden verdreifacht.
WP Engine zeigte sich entsprechend zufrieden. Der Fall handle davon, wie Automattic und Mullenweg ihre Macht über das WordPress-Ökosystem missbraucht hätten, "um einen Wettbewerber zu bestrafen, den Wettbewerb zu unterdrücken, die Kosten zu erhöhen, die Qualität zu senken und das offene Ökosystem zu untergraben", so das Unternehmen in seiner Stellungnahme. Eine öffentliche Reaktion von Automattic auf den Beschluss haben wir bis Redaktionsschluss nicht gefunden.
Auch an einer zweiten Front läuft es für Automattic nicht gut. Seit Juli 2026 ist eine Sammelklage von zwei WP-Engine-Kunden (öffnet in neuem Tab) zugelassen, die zunächst abgewiesen worden war. Das Gericht stützte sich unter anderem auf die Website wordpressenginetracker.com, die Automattic im November 2024 gestartet hatte und die über 842.000 bei WP Engine gehostete Domains auflistete. Damit habe Automattic von den konkreten Kundenverträgen gewusst.
Wichtig für die Einordnung: Das Gericht hat nur entschieden, dass die Vorwürfe plausibel vorgetragen sind und verhandelt werden dürfen. Bewiesen ist damit nichts. Automattic bestreitet die Vorwürfe, und seine eigenen Gegenklagen wegen Markenmissbrauchs laufen ebenfalls weiter. Den Gerichtsakt können Sie öffentlich einsehen (öffnet in neuem Tab).
Wie geht es im Verfahren weiter?
Als Nächstes geht die Beweisaufnahme weiter, mit Dokumentenaustausch und Zeugenbefragungen. Der Jury-Prozess ist für 2027 angesetzt, der genaue Termin wurde in den vergangenen Monaten mehrfach verschoben. Ein Urteil in der Sache ist vorher nicht zu erwarten. Dann wird der Streit rund drei Jahre alt sein.
So sieht der Weg bis hierhin aus:
Oktober 2024: Klage eingereicht
WP Engine verklagt Automattic und Mullenweg, nachdem das Unternehmen von WordPress.org ausgesperrt wurde. Im Dezember 2024 erzwingt eine einstweilige Verfügung die Wiederherstellung des Zugangs.
September 2025: Kartellpunkte abgewiesen
Das Gericht lässt Geschäftsbehinderung, unlauteren Wettbewerb und Verleumdung zu, weist die Kartellansprüche aber ab. Im Oktober 2025 reicht Automattic Gegenklagen wegen Markenmissbrauchs ein.
Februar bis Juni 2026: Neue Klageschrift
WP Engine legt eine dritte geänderte Klageschrift mit entsiegelten internen Unterlagen vor. Im Juni verhandelt das Gericht über die Abweisungsanträge beider Seiten.
August 2026: Urteil zu Operationsrobotern
Der Ninth Circuit senkt im Fall Intuitive Surgical die Hürden für Kartellklagen in Anschlussmärkten und hebt eine Entscheidung derselben Richterin auf.
24. September 2026: Kartellklage wieder zugelassen
Das Gericht lässt Monopolisierung, versuchte Monopolisierung und Kopplung wieder zu. Im Fall einer Niederlage droht Automattic damit dreifacher Schadensersatz.
Was ändert sich für WordPress-Seitenbetreiber?
Für Ihre WordPress-Website ändert sich durch den Beschluss nichts. Updates, Plugins und Themes kommen weiterhin wie gewohnt über WordPress.org, auch für Kunden von WP Engine. Es gibt keinen Grund, jetzt Hoster, Plugins oder gar das CMS zu wechseln.
Das gilt auch deshalb, weil Sie gerade andere Sorgen haben dürften. Erst vergangene Woche musste WordPress mit Version 7.1.2 eine kritische Lücke im Kern schließen, die bereits ausgenutzt wird. Das Update ist deutlich wichtiger als jede Nachricht aus dem Gerichtssaal. Falls Sie es noch nicht eingespielt haben: jetzt bitte.
Was Sie tatsächlich tun können:
- Prüfen Sie, ob Ihre Seite aktuelle Sicherheitsupdates bekommt, gerade nach CVE-2026-87902.
- Klären Sie, wer bei Ihnen für Updates zuständig ist und wie schnell dort reagiert wird.
- Wenn Sie ohnehin einen Relaunch planen, nehmen Sie die Abhängigkeit von WordPress.org mit in die Bewertung auf.
Unsere Einschätzung
Wir halten den Beschluss für die wichtigste Wendung seit der einstweiligen Verfügung von Dezember 2024. Nicht, weil WP Engine damit gewonnen hätte. Sondern weil jetzt ein Gericht die Frage verhandelt, die das WordPress-Drama von Anfang an aufgeworfen hat: Darf eine einzelne Person die zentrale Infrastruktur für 40 Prozent aller Websites als Druckmittel in einem Geschäftsstreit einsetzen?
Bisher war das eine Frage für Blogbeiträge und Konferenzvorträge. Mit den Kartellpunkten wird sie zu einer Rechtsfrage mit Preisschild. Wir gehen deshalb davon aus, dass der Druck auf eine Einigung vor dem Prozess steigt. Das ist unsere Einschätzung, keine Prognose mit Garantie, denn beide Seiten haben sich bisher als ausgesprochen ausdauernd erwiesen. Eine Einigung würde aber vermutlich wenig daran ändern, wie WordPress.org organisiert ist. Genau das ist der Punkt, der uns eigentlich interessiert.
Für unsere Kunden bleibt unsere Empfehlung dieselbe wie im Juli. Wir raten niemandem, eine funktionierende WordPress-Seite wegen dieses Streits aufzugeben. Aber wer ein neues Projekt plant, sollte wissen, dass er sich an eine Infrastruktur bindet, über die seit zwei Jahren vor Gericht gestritten wird. Wie sich das gegen eine eigene Lösung rechnet, zeigen wir in unserem Vergleich von eigenem CMS und WordPress. Und falls Sie den Wechsel bereits erwägen: Unser Leitfaden zur WordPress-Migration ohne Rankingverlust zeigt, worauf es dabei ankommt.
Wir bleiben an dem Fall dran und berichten, sobald es Neuigkeiten gibt.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Worum geht es in der Kartellklage von WP Engine gegen Automattic?
WP Engine wirft Automattic und Matt Mullenweg vor, ihre Kontrolle über WordPress.org missbraucht zu haben, um einen Wettbewerber zu bestrafen und den Markt für WordPress-Dienstleistungen zu beherrschen. Konkret geht es um Monopolisierung, versuchte Monopolisierung und unzulässige Kopplung. Die Kartellpunkte sind Teil der Klage, die WP Engine im Oktober 2024 eingereicht hat.
Hat WP Engine den Prozess gegen Automattic gewonnen?
Nein. Das Gericht hat am 24. September 2026 nur entschieden, dass die Kartellvorwürfe plausibel vorgetragen sind und verhandelt werden dürfen. Ein Urteil in der Sache gibt es noch nicht, der Jury-Prozess ist für 2027 angesetzt.
Warum wurden die Kartellansprüche erst abgewiesen und dann wieder zugelassen?
Im September 2025 hielt das Gericht die Kartellansprüche für nicht ausreichend begründet. Am 13. August 2026 senkte der übergeordnete Ninth Circuit im Fall Surgical Instrument Service Co. v. Intuitive Surgical die Anforderungen an Kartellklagen in Anschlussmärkten. Daraufhin hat die Richterin ihre frühere Entscheidung ausdrücklich korrigiert.
Was hat die Checkbox auf WordPress.org mit der Klage zu tun?
Die Checkbox ist die Grundlage des Kopplungsvorwurfs. Im Herbst 2024 mussten Nutzer beim Login auf WordPress.org bestätigen, nicht mit WP Engine verbunden zu sein. Das Gericht hält es für plausibel, dass der Zugang zu WordPress.org damit unzulässig an die Bedingung geknüpft wurde, die Dienste eines Wettbewerbers nicht zu nutzen.
Was droht Automattic, wenn WP Engine gewinnt?
Nach US-Kartellrecht kann WP Engine im Erfolgsfall den dreifachen Schadensersatz verlangen. Wie hoch der Schaden ist, muss WP Engine im Prozess erst nachweisen. Hinzu kommen die übrigen Klagepunkte wie Geschäftsbehinderung und Verleumdung sowie eine separate Sammelklage von WP-Engine-Kunden.
Muss ich als WordPress-Nutzer jetzt etwas tun?
Nein, wegen des Rechtsstreits nicht. Updates, Plugins und Themes funktionieren weiterhin normal, auch bei WP Engine. Dringender ist das Sicherheitsupdate auf WordPress 7.1.2, das eine bereits ausgenutzte Lücke im Kern schließt.
Ist der Streit zwischen WP Engine und Automattic beigelegt?
Nein. Stand September 2026 gibt es weder eine Einigung noch ein Urteil. Beide Seiten klagen gegeneinander: WP Engine unter anderem wegen Kartellverstößen, Automattic wegen Markenmissbrauchs.




